deu | fra | eng

Newsletter

Der elektronische Newsletter des NFP 59 orientiert über Fortschritte, Veranstaltungen und Publikationen. Sie können den Newsletter kostenlos hier bestellen.

NFP 59 Newsletter
Ausgabe2
Mai 2009

EDITORIAL
Wissen und Vertrauen
«Das NFP 59 will die Akzeptanz für gentechnisch veränderte Produkte fördern», lautet ein oft gehörtes, aber falsches Vorurteil gegenüber diesem Forschungsprogramm. Richtig ist: Das NFP 59 sucht mit wissenschaftlichen Methoden Antworten auf Fragen der Öffentlichkeit und Politik. Dabei kann es aber durchaus vorkommen, dass die Antworten der Wissenschaft nicht mit den Annahmen der Gesellschaft übereinstimmen, wie einige unserer (vorläufigen) Zwischenresultate zeigen.
So ist gemäss einer Untersuchung eine Mehrheit der befragten Opinion Leaders überzeugt, die Akzeptanz gentechnisch veränderter Pflanzen sei keine wissenschaftliche Frage mehr, sondern eine politische. Oder eine weitere Erkenntnis: praktische Tests können theoretische Erhebungen widerlegen. Zum Beispiel geben in einer repräsentativen Umfrage Konsumentinnen und Konsumenten mehrheitlich an, sie würden keine GV-Produkte kaufen. Im realen Verkaufsexperiment jedoch werden diese Produkte durchaus gekauft. Wobei aber in beiden Projekten übereinstimmend die Befragten die Wahlfreiheit zwischen gentechnisch veränderten und nicht veränderten Lebensmitteln fordern.
Gelegentlich müssen sich auch Wissenschaftler durch eigene Untersuchungen in ihrer Meinung korrigieren lassen. So zeigt eine weitere Umfrage, dass die Bevölkerung zwar wenig weiss über Gentechnologie, dass dies aber gar nicht so relevant ist. Denn mehr Wissen schafft nicht mehr Akzeptanz. Ausschlaggebend ist das Vertrauen, das die Bevölkerung den Behörden und der Wissenschaft entgegen bringt. In diesem Sinne setzt sich das NFP 59 weiter ein für vertrauenswürdige, unabhängige und objektive Forschung.

Prof. Dr. Dirk Dobbelaere
Präsident der Leitungsgruppe des NFP 59



MARKT: VERKAUFSEXPERIMENT MIT MAISBROT
Trotz Skepsis für Wahlfreiheit
Gentechnisch veränderte Lebensmittel haben in der Schweiz einen schweren Stand. 2005 stimmte das Stimmvolk dem Gentech-Moratorium zu. Ein Hauptargument der Befürworter war, dass in der Schweiz keine Nachfrage nach Gentech-Lebensmitteln bestehe. Doch stimmt dies wirklich? Ein Experiment der ETH-Zürich zeigt ein differenzierteres Bild.

Seit 1998 darf der gentechnisch veränderte Mais Bt 11 in die Schweiz importiert werden. Trotzdem findet man hierzulande in den Läden noch kein einziges Lebensmittel, das aus dieser Maissorte hergestellt wäre. Dies deshalb, so begründen Produzenten und Verkäufer, weil Meinungsumfragen und Abstimmungen zeigten, dass ein Grossteil der Schweizerinnen und Schweizer den transgenen Lebensmitteln skeptisch gegenübersteht. Erste Einführungsversuche scheiterten an Protesten und negativen Schlagzeilen. Darum verzichten die Detailhändler auf den Verkauf solcher Produkte.
Doch wie gross ist die Ablehnung der Konsumenten gegenüber gentechnisch veränderten (GV) Lebensmitteln tatsächlich? Um diese Frage zu klären, entwickelte Philipp Aerni ein sogenanntes Direkt-Marketing-Experiment.
Dazu wurden an Marktständen in fünf Städten der deutschen und französischen Schweiz drei verschiedene Arten von Maisbrot verkauft: aus biologischem, konventionellem und gentechnisch verändertem Mais. Alles streng nach Vorschrift deklariert. «Trotzdem», so Philipp Aerni, «merkten wir, dass die Leute den Unterschied zwischen den Broten meist nicht selbst erkannten. Darum machten wir die Kunden auf die verschiedenen Sorten aufmerksam und erklärten ihnen den Unterschied.»
Neben dem Kaufverhalten untersuchten die Forscher, ob allenfalls der Standort des Marktstandes, die Verkäufergruppe oder die Preise der Produkte einen Einfluss auf den Kaufentscheid der Konsumenten haben. Dazu setzten sie an den Marktständen abwechselnd drei verschiedene Verkäufergruppen und eben so viele Preismodelle ein.
Weiter interessierte das Urteil der Käufer über den Geschmack der Brote und ihre persönliche Einstellung gegenüber Gentech-Produkten. Um diese Fragen zu klären, wurde jedem Kunden ein Fragebogen mitgegeben.

Entgegen allen Erwartungen
Erste Resultate überraschen. So trat eine generelle Skepsis der Schweizer gegenüber GV-Lebensmitteln während des Experiments nur selten zu Tage: «Lediglich bei 60 der über 3250 Kunden stellten die Verkäufer eine negative Reaktion gegenüber dem Verkauf von GV-Produkten fest», so Philipp Aerni.
Weiteres Staunen verursachte das Kaufverhalten: Brote aus gentechnisch verändertem Mais werden durchaus konsumiert. Gut 20 Prozent der Kunden kauften Bt-Brot. Solches aus der konventionellen Landwirtschaft verkaufte sich mit 30 Prozent etwas besser, und am meisten Absatz fand das Bio-Maisbrot mit 50 Prozent.
Bezüglich der Frage, ob Verkäufer oder Preise einen Einfluss hatten, sind die Resultate schwieriger zu interpretieren. Es besteht jedoch ein Trend: Wenn das Bt-11-Maisbrot das günstigste am Stand war, wurde es am meisten verkauft. Philipp Aerni schränkt jedoch ein: «Oftmals war die Verkaufsgruppe wohl wichtiger als der Preis. Zum Beispiel haben jüngere Leute – Studenten und Schüler – generell mehr Bt-Brot verkauft. Warum das so ist, versuchen wir noch herauszufinden.»
Ein Erfolg war die hohe Rücklaufquote der Fragebögen. Obschon die Forscher keine Möglichkeit hatten, nachzuhaken, kamen über 30 Prozent der Bögen ausgefüllt zurück. Dies erlaubt, repräsentative Schlüsse zu ziehen. So zeigt sich etwa, dass das Bt-Brot mundete. Es erzielte auf einer Skala von eins bis sieben einen Wert von knapp sechs – wie die anderen Brote auch.

Der Konsument kann entscheiden
Interessant ist der Vergleich zwischen den Daten der Kontrollexperimente – also ohne GV-Brot - und jenen Experimenten, bei denen GV-Brot im Angebot war: «War am Stand auch Gentech-Brot zu haben, verkauften wir generell fast einen Drittel mehr», sagt Philipp Aerni. «Dies und die geringen negativen Reaktionen zeigen, dass die Kundschaft die Wahlfreiheit sehr schätzt.» ◆

Infobox
Bt-11-Mais
Diese und weitere Informationen erhielten die Kunden beim Kauf eines Bt-11-Maisbrotes:
• Das im Bt-11-Mais enthaltene Bt-Toxin ist ein Insektizid, welches gegen eine bestimmte Schädlingsart wirkt – in diesem Fall gegen den Maiszünsler. Für den Menschen ist das Bt unschädlich, da er keine Rezeptoren dafür besitzt.
• Durch die pflanzeneigene Produktion des Insektizids kann man den Einsatz von Spritzmitteln, auch solcher, die in der biologischen Landwirtschaft verwendet werden, reduzieren. Zusätzlich verringert sich dadurch der Treibstoffverbrauch und die Bodenerosion auf dem Bauernbetrieb.
• Bt-11-Mais ist resistent gegen glyphosathaltige Herbizide, wie zum Beispiel Roundup. Somit wäre ein grossflächiger Einsatz solcher Spritzmittel möglich, was ökologisch nicht unbedenklich ist.


Projektleiter:
Dr. Philipp Aerni
Institut für Umweltentscheidungen
ETH Zürich
SOL F 9, Sonneggstrasse 33
8092 Zürich
Telefon: 044 632 53 08
E-Mail: aernip@ethz.ch
Konsumentinnen und Konsumenten sagen in Umfragen mehrheitlich, sie würden keine gentechnisch veränderten Lebensmittel kaufen. Wie verhalten sie sich aber im realen Markt?



ENTSCHEIDUNGSPROZESSE: REPRÄSENTATIVE UMFRAGE
Vertrauen wichtiger als Wissen
Welche Faktoren tragen zur Akzeptanz von Gentechnologie in der Gesellschaft bei? Die Ergebnisse einer ersten repräsentativen Umfrage zeigen: Das Wissen hat nur einen geringen Einfluss auf die Wahrnehmung. Viel wichtiger sind das Vertrauen in Entscheidungsträger, die Einstellung gegenüber Nahrungsmitteln und die Unterscheidung in medizinische und nichtmedizinische Anwendungen.

Wer wissen will warum sich die Bevölkerung für oder gegen gentechnisch veränderte (GV) Produkte ausspricht, muss verstehen, welche Kriterien Menschen zur Meinungsbildung gegenüber Risikotechnologien anwenden. Damit beschäftigt sich Michael Siegrist vom Institut für Umweltentscheidungen der ETH Zürich in seinem vier Jahre dauernden Projekt «Fairness, Affekte, Vertrauen und Akzeptanz von GV-Pflanzen».

«Sind Gene giftig?»
Im Rahmen einer ersten Befragung haben Michael Siegrist und sein Team zwischen Februar und April des vergangenen Jahres 2500 Bögen mit Wissensfragen rund um die Gentechnologie an zufällig ausgewählte Personen in der deutschsprachigen Schweiz verschickt. Davon kamen 830 Bögen zurück (33 Prozent). Im Vordergrund stand biologisches Grundwissen. So wurde unter anderem gefragt: «Sind Gene giftig?» oder «Können sich die Gene einer Person verändern, wenn diese gentechnisch veränderte Nahrungsmittel isst?» Als Antwort konnte man «richtig», «falsch» oder «ich weiss nicht» ankreuzen. Neben solchen Wissensfragen, gaben die Befragten auch zu möglichen gesundheitlichen Auswirkungen von GV-Produkten Auskunft. Dabei stellte sich heraus, dass viel Nichtwissen im Bereich der Gentechnologie besteht, wie Michael Siegrist fest hält. «Aber die meisten Befragten wissen auch um ihr Nichtwissen». Jedoch scheint das Wissen für die Meinungsbildung ohnehin nur eine geringe Rolle zu spielen. «Ich glaube zwar nach wie vor, dass Schulung und Laborbesuche eine gute Sache sind», meint Michael Siegrist. «Aber wir müssen uns bewusst sein, dass dies alleine nicht zu einer höheren Akzeptanz der Gentechnologie führt.»

Entscheidend ist Vertrauen
Entscheidend für die öffentliche Meinungsbildung ist hingegen das Vertrauen, welches die Bürgerinnen und Bürger den Parteien entgegen bringen, die in den Bewilligungsprozess involviert sind – also in die politischen Behörden, die Industrie und die Wissenschaft. Die Studie zeigt nämlich, dass Personen, die den verantwortlichen Instanzen vertrauen, die Risiken der Gentechnologie wesentlich geringer einschätzen als Personen, die den Verantwortlichen nicht vertrauen. Weiter entscheidend für die Risikobeurteilung ist der Stellenwert, den die Befragten der Natürlichkeit von Lebensmitteln beimessen. Wer auf biologische und möglichst naturbelassene Produkte Wert legt, bewertet die Gentechnologie wesentlich negativer. Die Befragung zeigt ebenfalls, dass Frauen der Gentechnologie kritischer gegenüberstehen als Männer. «Diese Erkenntnis ist nicht neu», stellt Michael Siegrist fest. «In vergleichbaren Studien bei anderen Risikotechnologien haben wir dieselbe Tendenz beobachtet.» Ein Grund für diese unterschiedliche Bewertung sieht der ETH-Forscher darin, dass Frauen sensibler auf Eingriffe bei Nahrungsmitteln reagieren, da sie oft eine grössere Verantwortung für die Familie und deren Wohlergehen tragen. Klar zu unterscheiden ist laut Michael Siegrist zwischen medizinischen und nicht-medizinischen Anwendungen von Gentechnologie. Über sämtliche Bewertungsskalen hinweg ist die Akzeptanz für medizinische Anwendungen wesentlich höher.

Stabile oder labile Einstellungen?
Es stellt sich die Frage, ob Einstellungen zur Gentechnologie stabil sind oder ob sie sich über die Zeit wandeln. Dazu wurden rund tausend persönliche Interviews mit Bewohnern in der Umgebung der Versuchsanstalt Reckenholz geführt. Also mit Personen, in deren Nachbarschaft der Freisetzungsversuch mit gentechnisch verändertem Weizen (ebenfalls im Rahmen des NFP 59) stattfindet. Die erste Befragungsrunde ist abgeschlossen. Dieselben Personen sollen in eineinhalb Jahren nochmals zu denselben Themen befragt werden. «Wir wollen überprüfen, ob wir in unseren Befragungen allenfalls nur Zufallseinstellungen messen», erklärt Michael Siegrist. «Ob also einfach die jeweiligen aktuellen Umstände für die Antworten ausschlaggebend waren.» Ein solcher Vergleich sei bislang einzigartig.
Weitere Tests im laufenden Jahr sollen Unterschiede in der Einstellung von Gentech-Experten und Laien zeigen. Und es ist eine weitere Erhebung in der Deutschschweiz geplant, die nach dem Einfluss von fairen Entscheidungsprozessen fragt. Hierzu werden den Probanden zwei Szenarien für die Bewilligung eines Freisetzungsversuchs präsentiert. Das eine zeichnet sich durch Fairness und Einbindung der Anwohner aus, das andere verzichtet auf eine solche Partizipationsmöglichkeit. An den Resultaten dürften vor allem die Politik und Bewilligungsbehörden ein Interesse haben: Die Erkenntnisse könnten erstmals Aussagen darüber erlauben, wie viel Information und Anstrengungen für Transparenz im Fall von Freilandversuchen tatsächlich notwendig sind. ◆


Projektleiter:
Prof. Dr. Michael Siegrist
Institut für Umweltentscheidungen
ETH Zürich
Universitätstrasse 22
8092 Zürich
Telefon: 044 632 63 21
E-Mail: msiegrist@ethz.ch
Anwohner von Gentech-Versuchsfeldern (wie hier von der Versuchsanstalt Reckenholz in Zürich) lassen sich mit reiner Informationsarbeit nicht für die Forschung gewinnen. Wichtiger ist Vertrauensbildung.



ÖFFENTLICHE MEINUNG: MEDIENANALYSE UND STAKEHOLDERBEFRAGUNG
Mehr eine politische als eine wissenschaftliche Frage
Wie berichten Journalisten über die grüne Gentechnologie? Welche Interessenvertreter kommen dabei mit welchen Argumenten wie oft zu Wort und inwiefern bildet die Bevölkerung darauf basierend ihre Meinung? Heinz Bonfadelli und sein Team kommen den Antworten mit standardisierten Inhaltsanalysen, Befragungen und Leitfadengesprächen immer näher.

Die wenigsten Menschen haben im Bereich der Gentechnologie Zugang zu Informationen aus erster Hand. Deshalb spielen die Medien im öffentlichen Meinungsbildungsprozess eine entscheidende Rolle. Das wissen die Forschenden des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (IPMZ) seit langem. Schon 1996 beteiligte sich Heinz Bonfadelli zusammen mit seinem Team an einer vier Jahre dauernden internationalen Studie zur medialen Berichterstattung zum Thema Gentechnologie. Seither beobachtet das Institut die öffentliche Debatte kontinuierlich. Im aktuellen dreiteiligen Projekt «Die grüne Gentechnologie in der Öffentlichkeit» interessieren sich die Forscher für drei bestimmende Akteure im öffentlichen Meinungsbildungsprozess: Die Anspruchsgruppen – auch Stakeholder genannt –, die Medien und die Öffentlichkeit. Dabei fokussieren sie auf die «grüne» Gentechnologie, also auf Anwendungen, welche die Optimierung von Nutzpflanzen zum Ziel haben.

Berichterstattung vorwiegend politisch
Die Forscher analysierten eine zufällige Auswahl von 500 Artikeln aus den Tageszeitungen NZZ, Tages-Anzeiger, Blick, Le Temps, 24 heures und Le Matin, die zwischen 2003 und Mitte 2008 erschienen waren. Die Artikel wurden auf wiederkehrende Argumente, den jeweiligen Anlass für die Berichterstattung und die beteiligten Akteure geprüft. So liessen sich in den deutschsprachigen Zeitungsartikeln insgesamt 380 Argumente von unterschiedlichen Akteuren identifizieren, wovon rund 58 Prozent eher gegen die grüne Gentechnologie gerichtet waren. Ein oft wiederkehrendes Kontra-Argument war jenes, dass die Schweizer Bauern auf dem internationalen Markt bei einer gentechfreien Produktion bessere Chancen hätten. Ein weiteres häufig vorgebrachtes Argument bezweifelt die Praktikabilität einer Koexistenz von gentechfreier Produktion und einer solchen mit gentechnisch verändertem Saatgut. Hingegen führten die Gentech-Verfechter, laut Heinz Bonfadellis Studie, vor allem ins Feld, dass die grüne Gentechnologie für einen starken Wirtschaftsstandort und eine konkurrenzfähige Forschung nötig sei. Jedoch, auch das zeigte die Studie, hat dieses Argument über die vergangenen Jahre an Gewicht verloren. Die Inhaltsanalyse macht überdies deutlich, dass die grüne Gentechnologie in den Zeitungen vor allem in einem politischen Kontext thematisiert wird – insbesondere im Zusammenhang mit dem Moratorium. Hingegen haben nur 14 Prozent der untersuchten Berichte das Thema von einem wissenschaftlichen Standpunkt heraus beleuchtet. «Trotzdem nehmen Wissenschaftler regelmässig an der öffentlichen Diskussion zur grünen Gentechnologie teil», differenziert Heinz Bonfadelli. «Jedoch meist im Rahmen politischer Debatten.» Insgesamt stellen die Forscher fest, dass die verschiedenen Stakeholder in etwa ähnlich oft in den Medien auftreten. Einzig die Bauernorganisationen können sich überproportional viel Gehör in den Zeitungen verschaffen.

Geringes Interesse an grüner Gentechnologie
In Form einer Online-Umfrage sammelten die Zürcher Medienwissenschaftler in einem zweiten Teil des Projekts Argumente, Ansichten und Motive von unterschiedlichen Stakeholdern, darunter Bundesämter, Forschungsanstalten, politische Parteien, Industrievertreter, Nichtregierungsorganisationen und Konsumentenschützer. Rasch wurde klar, dass das Interesse an der grünen Gentechnologie bei den meisten dieser Organisationen zurzeit gering ist. Lediglich 38 von 130 versandten Fragebögen wurden ausgefüllt. Und tatsächlich ergaben Gespräche, die anhand eines Leitfadens mit ausgewählten Personen geführt wurden, dass die meisten Akteure dem Thema grüne Gentechnologie momentan keine hohe Priorität beimessen. Es fehle, so eine gängige Argumentation, wegen des aktuell geltenden Moratoriums die Brisanz. Zudem erwarten die wenigsten der Befragten bahnbrechende neue Erkenntnisse von der Wissenschaft: «Der Einsatz der grünen Gentechnologie scheint von den meisten Akteuren nicht als wissenschaftliche, sondern als rein politische Frage wahrgenommen zu werden», stellt Heinz Bonfadelli fest.

Öffentliche Meinung über Jahre konstant
Ein dritter Teil des Projekts ist den Einstellungen, Argumenten und Vorbehalten der Bevölkerung gewidmet. Dazu wurden im Frühjahr 2009 in drei Landesteilen 1258 Telefoninterviews durchgeführt. Die Fragen waren stark an frühere Befragungen angelehnt, so dass ein direkter Vergleich über die Zeit möglich ist. Dabei stellt Bonfadelli fest, dass die Akzeptanz der Gentechnologie seit 2002 leicht zugenommen hat. «Es fanden aber keine bedeutenden Veränderungen in den Einstellungen statt», fasst Heinz Bonfadelli zusammen. So gibt nach wie vor eine deutliche Mehrheit der Befragten (60 Prozent) an, dass sie keine gentechnisch veränderten Nahrungsmittel essen würde. Explizit für den Verzehr von GV-Produkten sprechen sich 25 Prozent aus. Für ein kategorisches Verbot sind nur 26 Prozent, während 71 Prozent eine Wahlfreiheit zwischen gentechnisch veränderten und unveränderten Nahrungsmitteln verlangen. Von besonderem Interesse für die Politik dürfte der Befund sein, dass 54 Prozent der Befragten eine Verlängerung des Gentech-Moratoriums befürworten; nur 25 Prozent sprechen sich dagegen aus. Bis zum Ende des Nationalfonds-Projekts im Herbst dieses Jahres wird nun am IPMZ noch eine Medienanalyse von Fernsehbeiträgen sowie weitere Leitfadengespräche mit Stakeholdern hinzukommen. Und schliesslich sollen die Ergebnisse aller drei Teilmodule in einem Buch zusammengefügt werden. Und Heinz Bonfadelli schwebt auch eine Art Leitfaden für Journalisten und Kommunikations-Fachleute vor: «Wir wollen unsere Forschungsergebnisse unbedingt in die Praxis zurücktragen, denn der mediale Diskurs in der Öffentlichkeit ist für den politischen Prozess in der Schweiz entscheidend.» ◆


Projektleiter:
Prof. Dr. Heinz Bonfadelli
Institut für Publizistikwissenschaft
und Medienforschung (IPMZ)
Universität Zürich
Andreasstrasse 15
8050 Zürich
Telefon: 044 634 46 64
E-Mail: h.bonfadelli@ipmz.uzh.ch

Die Bevölkerung bezieht die Information zu Sachthemen zu einem grossen Teil aus der Presse. Darum ist die Art der Berichterstattung entscheidend für die Meinungsbildung.




   28_newsletterNFP59Ausgabe2.pdf (5.9 MB)