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Resultate

 
Kapitel 1 
Kapitel 2 
Kapitel 3 
Kapitel 4 
 

Zentrale Schlussfolgerungen und Empfehlungen

1. Gentechnik in den Dienst einer nachhaltigen Landwirtschaft stellen

Die Schweizer Landwirtschaft ist mit ihren momentanen Produktionsmethoden nicht in der Lage, die für sie geltenden Umweltschutzziele zu erreichen. Gleichzeitig steht sie unter starkem Druck, ihre Wettbewerbsfähigkeit durch Senkung der Produktionskosten zu erhöhen. Dieser doppelten Herausforderung kann sie nur dann erfolgreich begegnen, wenn keine neue Technologie, auch nicht die Grüne Gentechnik, von vornherein ausgeschlossen wird.

Forschung und Entwicklung im Bereich gentechnisch veränderter Pflanzen (GVP) sollten sich mit höchster Priorität auf diese doppelte Zielsetzung ausrichten. In diesem Kontext ist die Forschungsförderung durch die öffentliche Hand, die keine kommerziellen Ziele verfolgt, am Gemeinwohl interessiert ist und auch die Interessen kleiner Bauernbetriebe und Saatguthersteller berücksichtigt, von grosser Bedeutung.
2. Die Risikobewertung muss sich am Endprodukt, nicht am Verfahren der Pflanzenzüchtung ausrichten

GVP sind grundsätzlich nicht mit höheren Risiken behaftet als konventionell gezüchtete Kulturpflanzen. Im Prinzip können bei allen Züchtungsverfahren Pflanzen entstehen, die nachteilige Effekte auf die Umwelt oder die Gesundheit von Mensch und Tier haben. Pflanzen mit solchen Eigenschaften werden bereits in der Entwicklungsphase ausgeschieden.

Auch in Bezug auf mögliche Folgen mangelhafter landwirtschaftlicher Praktiken (z. B. Resistenzbildung) sind zwischen konventionellen Kulturpflanzen und GVP keine signifikanten Unterschiede feststellbar.

Im NFP 59 sowie in vielen ähnlichen Forschungsprojekten im Ausland konnten keine Umwelt- oder Gesundheitsrisiken festgestellt werden, die spezifisch für gentechnisch veränderte Pflanzen sind. Deshalb sollte sich die Risikobewertung von Kulturpflanzen unabhängig vom Züchtungsverfahren auf die Pflanze und konkrete Formen ihrer Verwendung in der Landwirtschaft konzentrieren. Neue Kulturpflanzen sollten unabhängig vom Züchtungsverfahren vor ihrer Zulassung für den kommerziellen Anbau auf ihre Verträglichkeit für Mensch, Tier und Umwelt im Kontext der vorgesehenen Anwendungsbedingungen geprüft werden. Dieser Ansatz ist auch deshalb empfehlenswert, weil sich die technologische Entwicklung dahin bewegt, dass letztlich die Unterschiede zwischen konventionell gezüchteten Pflanzen und GVP kaum mehr erkennbar sind.
3. Freilandversuche sind wichtig und müssen erleichtert werden

Freilandversuche sind für die Bewertung der Biosicherheit und auch die Verbesserung von GVP und konventionell gezüchteten Pflanzen wichtig. Denn positive oder negative Eigenschaften von Pflanzen können im Labor, Gewächshaus und Freiland unterschiedlich ausgeprägt sein. Letztlich müssen Pflanzen im Freiland entwickelt und auf mögliche Vor- und Nachteile untersucht werden, weil sie dort auch kommerziell angebaut werden.

Die Kosten für Freilandversuche mit GVP sind in der Schweiz im internationalen Vergleich extrem hoch. Deshalb führen Schweizer Forschende und Firmen ihre entsprechenden Versuche heute vorwiegend im Ausland durch. Jedoch könnten die hohen Zusatzkosten für Sicherheitsvorkehrungen durch die Einrichtung gesicherter Versuchsgelände (sogenannter ‘Protected Sites’) stark gesenkt werden. Solche Gelände würden es auch erlauben, das Bewilligungsverfahren für Freilandversuche stark zu vereinfachen. Die so reduzierten Zusatzkosten würden es Schweizer Pflanzenwissenschaftlern vermehrt ermöglichen, ihre Forschung in der Schweiz durchzuführen und so den Wissenschaftsstandort Schweiz zu stärken.
4. Eine Langzeitbeobachtung von Gesundheitseffekten ist sinnvoll

Wissenschaftliche Studien, die seit fast 20 Jahren in grosser Zahl im Ausland durchgeführt wurden, konnten keine nachteiligen Effekte von GVP auf die Gesundheit von Menschen und Tieren feststellen. Im NFP 59 wurden keine Studien dieser Art durchgeführt, weil kein Grund zur Annahme besteht, dass der menschliche oder tierische Körper in der Schweiz anders auf GVP reagiert als im Ausland. Dennoch ist eine Langzeitbeobachtung im Sinne eines ‘Post-market Monitorings’ empfehlenswert. Dieses könnte ähnlich der Meldestelle für Medikamentennebenwirkungen organisiert sein.

Grundsätzlich sollten Langzeitbeobachtungen alle neuen Kulturpflanzen erfassen, unabhängig vom Züchtungsverfahren und sich sowohl auf positive als auch negative Effekte richten.
5. Der ökonomische Nutzen der momentan für den kommerziellen Anbau verfügbaren GVP wäre in der Schweiz eher bescheiden, könnte jedoch in Zukunft steigen

Der Einsatz von heute im Ausland bereits kommerziell angebauten GVP mit kombinierter Herbizid- und Krankheitsresistenz könnte auch in der Schweizer Landwirtschaft zur Senkung der Produktionskosten beitragen. Dies vor allem, weil solche Pflanzen die Direktsaat ermöglichen, welche auch einen positiven ökologischen Effekt hat.

Der Ertragsgewinn, der aus Schädlings- und Krankheitsvermeidung durch den Einsatz von GVP resultieren könnte, ist je nach Kulturpflanze unterschiedlich. Er ist bei den momentan für den kommerziellen Anbau im Ausland verfügbaren GVP eher bescheiden. Jedoch befinden sich unter den rund 90 im Ausland entwickelten GVP auch einige Kulturpflanzen (z. B. Zuckerrüben, Kartoffeln), die in der Schweiz sowohl bei den Produktionskosten als auch bei den Erträgen deutliche Zusatznutzen erbringen könnten.

Deshalb sollte die Schweiz ihre gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht am Nutzen der heute bereits im Ausland angebauten GVP orientieren, sondern am Potenzial künftiger Pflanzen zur Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft.

Die Forschung sollte künftig deutlich mehr Gewicht auf kombinierte Pflanzenmerkmale sowie mögliche zukünftige Potenziale von GVP legen.
6. Die Koexistenz von konventionell gezüchteten Kulturpflanzen und GVP in der Schweizer Landwirtschaft ist möglich

Die Koexistenz von Anbausystemen mit und ohne Verwendung gentechnisch veränderter Pflanzen ist in der Schweiz grundsätzlich möglich. Die Kosten variieren je nach Kulturpflanze und Strukturierung des Anbaugebietes. Sie würden im Durchschnitt nur einen kleinen Prozentsatz der Produktionskosten ausmachen. Diese Kosten würden zudem bei grossräumigen Absprachen zwischen benachbarten landwirtschaftlichen Betrieben sowie durch den Anbau von Kulturpflanzen mit sehr geringem Ausbreitungsrisiko (z. B. Kartoffeln) deutlich sinken.

Die Hauptproblematik ist allerdings, dass die Summe der Einsparungen bei den Produktionskosten sowie der Nutzen durch Schädlings- und Krankheitsvermeidung durch den Einsatz von GVP ungefähr in der gleichen Grössenordnung liegt wie die Summe der höheren Kosten für gentechnisch verändertes Saatgut und der Koexistenzkosten. Der Anbau von GVP würde sich also vor allem in Gegenden wirtschaftlich lohnen, wo die Koexistenzkosten durch Absprachen zwischen landwirtschaftlichen Betrieben gering sind, sowie bei GVP, die keine oder nur sehr geringe Grenzabstände zu Nachbarbetrieben erfordern.

Deshalb sollte der Gesetzgeber sich bei der Ausgestaltung der Koexistenzverordnung an wissenschaftlich abgesicherten Kriterien (z. B. für Grenzabstände) orientieren und Absprachen unter Landwirten beziehungsweise die Bildung von Anbauzonen für GVP nach Möglichkeit fördern.
7. Die Ausgestaltung der Direktzahlungen und des Ökologischen Leistungsnachweises (ÖLN) sollte den Anbau von GVP nicht diskriminieren

Die Prämien, die im Rahmen des ÖLN ausgerichtet werden, übersteigen mögliche Produktivitätsgewinne durch den Anbau von GVP bei weitem. Eine grundsätzliche Verweigerung des ÖLN für den Anbau von GVP käme also de facto einer Fortführung des Moratoriums gleich. Sie wäre aus wissenschaftlicher Sicht allerdings nicht zu rechtfertigen, weil sich GVP und konventionell gezüchtete Kulturpflanzen in ihren ökologischen Auswirkungen nicht a priori unterscheiden. Deshalb sollte sich die Ausgestaltung des ÖLN und der damit verbundenen Direktzahlungen nicht auf das Verfahren der Pflanzenzüchtung richten, sondern auf wissenschaftlich identifizierbare ökologische Effekte spezifischer Kulturpflanzen und der betreffenden Anbaumethoden.
8. Konsumenten und Stimmbürger stehen der Grünen Gentechnik kritisch gegenüber, wünschen aber mehrheitlich die Wahlfreiheit

Lediglich rund 20 bis 30 Prozent der Konsumenten in der Schweiz würden gentechnisch veränderte Nahrungsmittel kaufen. Rund 70 bis 80 Prozent befürworten allerdings die Wahlfreiheit zwischen gentechnisch veränderten und nicht gentechnisch veränderten Produkten. Untersuchungen des NFP 59 sowie vergleichbare Studien im Ausland zeigen, dass die Akzeptanz von gentechnisch veränderten Produkten tendenziell steigt, wenn Produkte angeboten werden, die substanzielle und deutlich kommunizierbare Vorteile für Konsumenten und Umwelt bieten. Diese Anforderungen erfüllen jedoch die heute kommerziell angebauten GVP noch nicht.

Die in der Schweiz momentan geltenden Vorschriften für die Kennzeichnung gentechnisch veränderter Produkte sind ausreichend, um den Konsumenten die Wahlfreiheit zu ermöglichen. Damit diese Wahlfreiheit aber auch de facto existiert und der Markt letztlich über die Wettbewerbsfähigkeit von GVP entscheiden kann, wäre auch ein Angebot an gentechnisch veränderten Produkten nötig.
9. Rechtliche Rahmenbedingungen sollten die Koexistenz erleichtern

Bundesverfassung, Gentechnikgesetz (GTG) und Landwirtschaftsgesetz erfordern, auch wenn sie vor allem die denkbaren Risiken der Gentechnologie eingrenzen wollen, zumindest implizit ein geordnetes, gleichberechtigtes Nebeneinander der landwirtschaftlichen Nutzung von Kulturpflanzen, die mit unterschiedlichen Züchtungsverfahren entwickelt wurden. Eine Verlängerung des Moratoriums für kurze Zeit zum Zweck der Schaffung rechtlicher Rahmenbedingungen für die Zeit nach Ablauf des Moratoriums ist möglich. Eine langfristige Etablierung eines Moratoriums beziehungsweise Verbotes für GVP würde hingegen eine Änderung der Bundesverfassung erfordern.

Bei der Überarbeitung des GTG sollte weiterhin Art. 7 die Zielnorm für eine Koexistenzordnung darstellen. Das GTG sollte jedoch dahingehend ergänzt werden, dass unterschiedliche landwirtschaftliche Produktionsformen ohne Einbussen nebeneinander bestehen können.

Zudem sollte der Bundesrat ermächtigt werden, detaillierte Regelungen zu erlassen, die der Sicherstellung der Koexistenz dienen.

Weiter sind im GTG auch ergänzende Grundsatzbestimmungen nötig, die die Rückverfolgbarkeit, Dokumentation und Kennzeichnung, Durchführung von Massnahmen zur Sicherstellung der Koexistenz sowie die Haftpflichtordnung betreffen.

Schliesslich sollte der Gesetzgeber Kriterien und Prozeduren für die Schaffung von gentechnikfreien Gebieten definieren. Solche Kriterien sollten sich auf besondere Schutz- und Förderbedürfnisse beziehen.
 
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