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Resultate

 
Kapitel 1 
Kapitel 2 
Kapitel 3 
Kapitel 4 
 

Risiken vermeiden, Chancen nutzen, Kompetenz erhalten

Die hier vorliegende Programmsynthese stützt sich auf 30 im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen» (NFP 59) durchgeführte Forschungsprojekte und drei ausführliche Analysen einer Vielzahl relevanter Studien aus dem Ausland. Einleitend formulieren der Direktor und die Vizedirektorin des Bundesamtes für Landwirtschaft einige Überlegungen zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele in der Schweizer Landwirtschaft. Neben den Kapiteln, welche die Ergebnisse der Forschung im NFP 59 zusammenfassen, bietet die Programmsynthese auch fünf ausgewiesenen Experten Platz für Meinungstexte zu verschiedenen Aspekten der Grünen Gentechnik. Die vorliegende Programmsynthese hat das Ziel, wissenschaftliche Grundlagen für sachgerechte politische Diskussionen und Entscheidungen zur Grünen Gentechnik in der Schweiz zu liefern.

DIRK DOBBELAERE/ THOMAS BERNAUER
Präsident der Leitungsgruppe NFP 59/ Mitglied des Nationalen Forschungsrates

UMSTRITTENE GENTECHNIK

Der Mensch züchtet Kulturpflanzen seit Jahrtausenden und passt sie immer wieder seinen Bedürfnissen an. Das klassische Verfahren der Pflanzenzucht beruht darauf, durch die gezielte Auslese nützlicher Eigenschaften genetische Veränderungen in einer bestimmten Pflanze zu fördern. Heute bietet die sogenannte ‘Grüne Gentechnik’ Möglichkeiten, die weit über jene der herkömmlichen Pflanzenzüchtung hinausgehen: Genetische Veränderungen können gezielt in die Pflanzen eingebracht werden und die Selektion der gewünschten Eigenschaften einer Pflanze lässt sich effizienter steuern.

Gentechnisch veränderte Pflanzen (GVP) werden seit über 15 Jahren in vielen Ländern der Welt kommerziell genutzt. Mehr als 40 verschiedene GVP sind inzwischen in der EU zur Verwendung als Lebens und Futtermittel zugelassen.

Jedoch ist der Anbau von GVP umstritten und so werden in Europa nur gerade zwei gentechnisch veränderte Kultur pflanzen kommerziell genutzt: Mais und Stärkekartoffeln.

Auch in der Schweiz wird die Grüne Gentechnik seit Längerem kontrovers diskutiert (siehe Kapitel 1.1). Am 27. November 2005 stimmte das Schweizer Volk für ein fünfjähriges Moratorium bei der kommerziellen Nutzung von GVP. Dieses Moratorium wurde inzwischen durch das Parlament um weitere drei Jahre bis November 2013 verlängert. Nicht betroffen ist die Forschung. Diese Ausnahme dient unter anderem dem Ziel, die Vor- und Nachteile der Grünen Gentechnik eingehender zu untersuchen. So beauftragte der Bundesrat denn auch den Schweizerischen Nationalfonds im Dezember 2005, das NFP 59 durchzuführen. Im Zentrum des Programms stand die Frage, inwieweit die Grüne Gentechnik einen Beitrag zu einer nachhaltigen Landwirtschaft in der Schweiz leisten kann, ob also aus Sicht des Umweltschutzes, der Landwirte sowie der Gesellschaft der Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen in der Schweiz von Nutzen sein könnte. Zudem sollte das Forschungsprogramm untersuchen, ob sich für die Schweiz mit ihrer kleinräumig strukturierten Landwirtschaft besondere Probleme oder auch besondere Chancen ergeben und ob eine Koexistenz von Landwirtschaftsformen mit und ohne Gentechnik möglich ist.

NACHHALTIGE NUTZUNG DER NATUR DURCH DEN MENSCHEN

Der Mensch ist ein Bestandteil der Natur. Gegenseitige Anpassungen bilden die Basis für die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt. In diesem Sinne sind auch Anpassungen von Pflanzen an die Bedürfnisse einer zeitgerechten Landwirtschaft natürlich, sofern sie dem Ziel der Nachhaltigkeit entsprechen.

Heute werden sowohl in der traditionellen als auch in der biologischen Landwirtschaft Kulturpflanzen eingesetzt, die durch züchterische Anpassungen den ursprünglichen Wildpflanzen nur noch wenig ähnlich sind. Solche Anpassungen sind prinzipiell darauf ausgerichtet, einen höheren Ertrag zu erzielen und Verluste durch Schädlinge und Krankheiten zu reduzieren. Damit hat der Mensch über Tausende von Jahren tief in die Evolution vieler Pflanzen eingegriffen.

Die zielgerichtete Pflanzenzüchtung beruht auf der Erzeugung genetischer Variation und anschliessender Selektion von nützlichen Eigenschaften. Dabei werden nicht nur natürlich vorkommende genetische Variationen genutzt. Bei vielen Kulturpflanzen wurden solche Variationen auch mithilfe von ionisierenden Strahlen oder mutagenen Chemikalien erzeugt. Welche genetischen Veränderungen bei diesen Eingriffen genau stattfanden, ist bis heute weitgehend unbekannt. Denn das erzeugte Produkt mit seinen neuen Eigenschaften und nicht die zu seiner Erzeugung verwendete Methode stand im Vordergrund.

So sind sich zum Beispiel die wenigsten Konsumentinnen und Konsumenten bewusst, dass der heute angebaute Weizen vorwiegend von dem ursprünglichen Einkorn abstammt, in welches das gesamte Erbgut zweier Wildgräser eingekreuzt wurde. Diese massive Veränderung der genetischen Zusammensetzung der Pflanze wurde durch den Einsatz von Colchizin möglich. Colchizin wird aus der Herbstzeitlose gewonnen und hat erbgutverändernde Eigenschaften.

Im Verlauf der Zeit haben also weitreichende Eingriffe in das Erbgut von Hunderten von Kulturpflanzen stattgefunden – Pflanzen, die heute als sicher und gesund gelten.

An diesem Massstab sollte auch die Grüne Gentechnik gemessen und bewertet werden. Denn sie ist eine Weiterentwicklung der klassischen Pflanzenzüchtung. Nicht nur das: Züchterische Veränderungen durch gentechnische Methoden sind präziser und effizienter als die herkömmlichen Züchtungsmethoden. Sie erlauben es auch, neue, wertvolle Eigenschaften über Artengrenzen hinaus auf Kulturpflanzen zu übertragen. 

Der Weg zur Synthese

Auftrag und Budget

Im Dezember 2005 beauftragte der Bundesrat den Schweizerischen Nationalfonds, das NFP 59 durchzuführen und den Nutzen und die Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen in Bezug auf die ökologischen, sozialen, ökonomischen, rechtlichen und politischen Verhältnisse in der Schweiz zu untersuchen.

Für die Durchführung des Programms standen über den Zeitraum von fünf Jahren zwölf Millionen Franken zur Verfügung.

Das NFP 59 umfasste vier Themenschwerpunkte:

  1. Pflanzenbiotechnologie und Umwelt: 19 Projekte; 6,7 Millionen Franken;
  2. Politische, soziale und ökonomische Aspekte: neun Projekte; 2,2 Millionen Franken;
  3. Risikobewertung, Risikomanagement und Entscheidungsprozesse: zwei Projekte; 0,6 Millionen Franken;
  4. Übersichtsstudien, basierend auf der weltweit verfügbaren Fachliteratur: 0,2 Millionen Franken.

Nachdem Vandalen im Juni 2008 Teile des Versuchsfeldes in Zürich-Reckenholz beschädigt hatten, wurde das Budget zwecks Schutz der Freilandversuche in Pully und Zürich-Reckenholz um drei Millionen Franken erhöht.

 

Auswahl und Dauer der Forschungsprojekte

Insgesamt wurden 30 Forschungsprojekte durchgeführt. Diese wurden aus einer grossen Anzahl von Vorschlägen nach Kriterien der wissenschaftlichen Qualität sowie Relevanz für den Schweizer Kontext ausgewählt. Das NFP 59 umfasste aus zeitlichen und finanziellen Gründen keine Projekte, die sich langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen von GVP auf Mensch und Tier widmen. Jedoch wurden in einer umfangreichen Literaturstudie alle relevanten weltweit verfügbaren Forschungsresultate ausgewertet. Somit können hier auch zu Fragen der Gesundheit zuverlässige Aussagen gemacht werden (siehe Kapitel 3.1). Zwei weitere Literaturstudien fassen die international verfügbare Literatur zu den Themen ‘Ökologie und Risiko’ und ‘Gesellschaft, Agrarökonomie und Koexistenz in Europa’ zusammen.

Die Forschungsprojekte des NFP 59 starteten in der zweiten Jahreshälfte 2007 und wurden zwischen dem Frühjahr 2009 und Ende 2011 abgeschlossen.

 

Zwischenbericht an den Bundesrat

Gemäss Auftrag des Bundesrates verfasste die Leitungsgruppe des NFP 59 einen Zwischenbericht. Dieser wurde am 13. Oktober 2009 vom Nationalen Forschungsrat und am 14. Oktober 2009 von dessen Präsidium genehmigt und am 16. November dem Bundesrat übermittelt.

2010 beschlossen die Eidgenössischen Räte eine Verlängerung des Moratoriums, um vor weiteren Entscheidungen die Schlussresultate des NFP 59 abzuwarten.

 

Stetige Kommunikation

Das NFP 59 legte grossen Wert auf offene und transparente Kommunikation innerhalb des Programms sowie gegenüber Interessenvertretern und der Bevölkerung. Dazu wurde die Website permanent mit Neuigkeiten aus dem Programm à jour gehalten. Ergänzend wurden sechs Newsletter publiziert und an jeweils 1000 Adressaten in elektronischer oder gedruckter Form verschickt. Die Forschenden veröffentlichten rund 70 wissenschaftliche Arbeiten und trafen sich zum interdisziplinären Austausch an zwei programminternen Konferenzen. Des Weiteren beteiligten sich Forschende sowie Mitglieder der Leitungsgruppe regelmässig an öffentlichen Symposien und Podiumsdiskussionen. Zusätzlich wurde eine öffentliche Vortragsreihe mit Diskussionsrunden organisiert.

Von Anfang an stiess das Forschungsprogramm auf ein breites öffentliches Interesse: zum Beispiel erschienen über 1000 Berichte zum NFP 59 in Zeitungen des In- und Auslandes.

 

Breit abgestützter Begleitprozess

Die Resultate des NFP 59 wurden in einem mehrstufigen Verfahren mit Vertretern der für das NFP 59 wichtigen Interessengruppen diskutiert. Dazu fanden einerseits mehrere Stakeholder-Workshops statt, an denen Vertreterinnen und Vertreter von Forschungsinstitutionen, eidgenössischen und kantonalen Ämtern, wissenschaftlichen Akademien, Samen- und Pflanzenproduzenten, der Eidgenössischen Ethikkommission, der Eidgenössischen Fachkommission für biologische Sicherheit, Branchenverbänden, NGOs, Bauernverbänden, der Industrie, dem Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung, Branchenvereinigungen und Konsumentenorganisationen teilnahmen. Die insgesamt drei Diskussionsrunden widmeten sich folgenden Themen: 1. Rechtliche Rahmenbedingungen und Koexistenz; 2. Risiko: Identifikation, Bewertung, Monitoring; 3. Konsum, Kommunikation und Akzeptanz.

Gegen Ende des Programms, in der Synthesephase, war eine Begleitgruppe mit Vertretern der wichtigsten Stakeholder-Gruppierungen – sowohl Befürworter als auch Gegner der Gentechnik – eingebunden. Sie lieferten bei der Gestaltung und der Entstehung des hier vorliegenden Syntheseberichts dreimal wichtige Inputs und Feedback.

Insgesamt ist es dem NFP 59 gelungen, die Stakeholder in das Programm einzubinden und die schwierige Thematik breit und sachlich zu diskutieren.

MOLEKULARE PROZESSE UND GESCHWINDIGKEIT DER ANPASSUNG

Aus langer Erfahrung ist bekannt, dass weder die natürliche Evolution noch die klassische Pflanzenzüchtung schwerwiegende Risiken für Mensch und Natur bewirken. Also kann aufgrund der grossen Ähnlichkeit zwischen natürlichen genetischen Prozessen und gentechnischen Verfahren angenommen werden, dass allfällige Risiken der Grünen Gentechnik im gleichen Rahmen liegen wie die Risiken der herkömmlichen Pflanzenzüchtung.

GENTECHNISCH VERÄNDERTE PFLANZEN UND UMWELT

Die identifizierten nachteiligen Effekte sind alle nicht typische
Folgen der Gentechnik, sondern treten auch bei konventioneller oder nicht fachgerechter Landwirtschaft auf.

Das NFP 59 setzte sich intensiv mit dem Thema ’Biosicherheit’ auseinander. Von den 30 durchgeführten Projekten befassten sich deren elf mit einem Gesamtbudget von 3,2 Millionen Franken mit den möglichen Umweltrisiken gentechnisch veränderter Pflanzen. Diese Projekte beschäftigten sich mit der Bodenökologie, der Biodiversität, dem Genfluss und den Auswirkungen auf Nichtzielorganismen. Neun dieser Projekte bildeten ein interdisziplinäres Konsortium aus Forschungsgruppen der ETH Zürich, der Universitäten Zürich, Bern, Basel, Lausanne und Neuchâtel sowie den Forschungsanstalten des Schweizer Bundesamts für Landwirtschaft, Agroscope Reckenholz-Tänikon und Changins-Wädenswil. Das Konsortium untersuchte in Freilandversuchen an zwei Standorten die Auswirkungen von gentechnisch verändertem Weizen auf symbiotisch lebende Wurzelpilze, Wildgräser, Insekten, Bodenmikroorganismen und Nachbarpflanzen.

 Die für diese Versuche verwendeten gentechnisch veränderten Weizensorten waren bereits vor Beginn des NFP 59 mit öffentlicher Finanzierung in der Schweiz entwickelt worden und dienten in den Versuchen als Modellpflanze ohne jeden kommerziellen Zweck.

In einem Projekt der Universität Neuchâtel wurden auch die Auswirkungen von gentechnisch verändertem Mais auf bodenlebende Nützlinge untersucht. Und das Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL) analysierte die Folgen des Anbaus von gentechnisch verändertem Mais auf die Bodenfruchtbarkeit. Diese Versuche wurden im Labor, in Gewächshäusern oder im Freiland durchgeführt.

Keines dieser Forschungsprojekte konnte Umweltrisiken finden – auch keine für die Schweiz spezifischen –, die von der Grünen Gentechnik als solcher ausgehen (siehe Kapitel 1.2). Ein Ergebnis, das im Einklang mit über 1000 Studien steht, die weltweit durchgeführt und im Rahmen des NFP 59 ausgewertet wurden. Zwar konnten in den seit mehr als 20 Jahren überall auf der Welt mit GVP durchgeführten Freilandversuchen vier negative Effekte identifiziert werden:

• Resistenzen bei Zielorganismen;

• Schädigung von Nichtzielorganismen;

• Einschränkungen der Biodiversität;

• Entstehung unerwünschter Unkräuter infolge übermässigen Einsatzes von Herbiziden.

Dies sind jedoch nicht typische Folgen der Gentechnik, sondern können genauso bei traditionell gezüchteten Pflanzen beziehungsweise bei nicht fachgerecht betriebener Landwirtschaft auftreten.

Vereinzelt finden sich in der Fachliteratur Hinweise aus Laborversuchen, die auf schädliche Effekte von GVP auf Nichtzielorganismen hindeuten (zum Beispiel auf Marienkäfer, siehe Kapitel 1.1). Solche Effekte liessen sich aber in Freilandversuchen unter realistischen Bedingungen nicht nachweisen und werden deshalb von den meisten Experten als vernachlässigbar eingestuft.

Mehrere Projekte des NFP 59 haben neue wissenschaftliche Methoden generiert, die für ein Umweltmonitoring im Zusammenhang mit dem Anbau von GVP, sei es im Rahmen von Freilandversuchen oder des kommerziellen Anbaus, eingesetzt werden können (siehe Kapitel 1.3 und 1.4). 

MENSCHLICHE UND TIERISCHE GESUNDHEIT

Basierend auf Langzeitbeobachtungen und vielen wissenschaftlichen Studien sind bisher keine negativen gesundheitlichen Folgen von kommerziell genutzten GVP nachweisbar.

Im Ausland wurden sehr viele Studien zu den Auswirkungen von GVP auf die menschliche und die tierische Gesundheit durchgeführt. Im NFP 59 wurden zu diesem Themenbereich keine zusätzlichen Studien unternommen. Denn es besteht kein Grund zur Annahme, dass der menschliche oder der tierische Organismus in der Schweiz anders auf GVP reagiert als im Ausland. Zudem waren Langzeitstudien im Zeitraum eines Nationalen Forschungsprogramms nicht möglich. Deshalb hat das NFP 59 eine breit angelegte Analyse der weltweit verfügbaren Fachliteratur vorgenommen. Diese Analyse widerlegt die immer wieder geäusserte Befürchtung, dass GVP ein Gesundheitsrisiko für Mensch und Tier darstellen könnten.

Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen der ersten Generation werden im Ausland seit mehr als 15 Jahren grossflächig kommerziell angebaut. In diesen Pflanzen wurden Gene pflanzlichen oder mikrobiellen Ursprungs eingebaut, welche Toleranzen gegenüber Herbiziden oder Resistenzen gegenüber Schädlingen bewirken. Alle diese Eigenschaften beruhen auf Wirkmechanismen, die der Natur entstammen. Die Schädlingsresistenz zum Beispiel kommt häufig durch sogenante Bt-Proteine zustande. Diese Proteine werden in der Natur vom Bodenbakterium Bacillus thuringiensis produziert und wirken spezifisch auf verschiedene Insektenarten. Sie kommen in kristalliner Form häufig auch in der konventionellen und biologischen Landwirtschaft zum Einsatz – und gelten als für Mensch, Nutz- und Haustiere unbedenklich.

Gentechnisch veränderte Pflanzen, die im Ausland kommerziell genutzt werden, haben alle intensive Sicherheitsbewertungen durchlaufen. Langzeitbeobachtungen und viele wissenschaftliche Studien konnten bisher keine negativen Effekte kommerziell genutzter GVP auf die Gesundheit von Menschen oder Tieren nachweisen (siehe Kapitel 3.1).

Der Einsatz von Bt-Mais kann positive gesundheitliche Auswirkungen haben. Er kann zu einer geringeren Belastung von Lebens- und Futtermitteln durch neurotoxische oder krebserregende Mykotoxine führen.

In bestimmten Fällen könnte der Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen sogar zur Vermeidung von Gesundheitsrisiken beitragen. So erlaubt etwa die Verwendung von herbizidtoleranten Pflanzen den Einsatz von Pestiziden, die weniger giftig sind. Dies kann insbesondere in Entwicklungsländern zu einem Rückgang der Vergiftungen von Landwirten beitragen. Auch der Einsatz von Bt-Mais kann positive gesundheitliche Auswirkungen haben. Denn er führt zu einer geringeren Belastung von Lebens- und Futtermitteln durch neurotoxische oder krebserregende Mykotoxine. Diese Gifte werden durch Pilze produziert, welche vor allem kranke und verletzte Pflanzen befallen.

Im Entwicklungsstadium befinden sich gentechnisch veränderte Nutzpflanzen der zweiten Generation. Solche werden hinsichtlich ihrer Inhaltsstoffe so verändert, dass sie eine gesündere Alternative zur herkömmlichen Pflanzensorte darstellen oder Konsumenten mit speziellen Bedürfnissen entgegenkommen. Mittels gentechnischer Verfahren können zum Beispiel der Nährwert der Pflanzen verbessert oder unerwünschte Inhaltsstoffe entfernt werden. Praktische Beispiele hierfür sind der ’Golden Rice’ mit einem erhöhten Gehalt an Provitamin A, welches bei Menschen mit Mangelernährung die Erblindung verhindern kann, oder verschiedene Züchtungen von Apfel, Erdnuss, Reis, Tomate und Sojabohne, in denen die Hauptallergene reduziert wurden, womit die Pflanzen für Allergiker besser verträglich sind. Die gezielte Reduktion der Gluten-Proteine in Getreide kann Zöliakie-Patienten zugutekommen.

Positive gesundheitliche Wirkungen werden auch von gentechnisch veränderten Pflanzen der dritten Generation erwartet, welche der Produktion von pharmazeutischen Substanzen dienen. GVP schliesslich, die zur Gewinnung industriell verwendeter Rohstoffe gezüchtet werden, gelangen nicht in den Verzehr.

AKZEPTANZ DER GRÜNEN GENTECHNIK

Obwohl die grüne Gentechnik seit rund fünfzehn Jahren eingesetzt wird, gilt sie noch immer als neue und unsichere Technologie.

Obwohl die Grüne Gentechnik schon seit rund 15 Jahren in der Landwirtschaft diverser Länder eingesetzt wird, gilt sie in breiten Bevölkerungskreisen noch immer als ’neue und risikobehaftete Technologie’. Ihre Akzeptanz in Europa, einschliesslich der Schweiz, ist nach wie vor gering (siehe Kapitel 3.2). Auffallend ist aber dabei, dass der Einsatz der Gentechnik in der Medizin, der sogenannten Roten Gentechnik, inzwischen weitgehend akzeptiert ist (z. B. für die Herstellung von Insulin oder Impfstoffen).

Die Bedenken gegenüber der Gentechnologie in der Landwirtschaft kontrastieren mit der Tatsache, dass bis jetzt keine der befürchteten nachteiligen Wirkungen auf Umwelt und Gesundheit aufgetreten sind.

Die Bedenken breiter Bevölkerungskreise gegenüber der Grünen Gentechnik kontrastieren mit der Tatsache, dass bis jetzt keine der befürchteten nachteiligen Wirkungen auf Umwelt und Gesundheit wissenschaftlich nachgewiesen werden konnten. Festzustellen ist jedoch auch, dass die meisten Konsumentinnen und Konsumenten in gentechnisch veränderten Lebensmitteln keinen direkten Nutzen erkennen. Forschungsergebnisse des NFP 59 zeigen, dass Anwendungen der Gentechnik mit einem direkt ersichtlichen Nutzen positiver beurteilt werden. Als erkennbarer Zusatznutzen gelten zum Beispiel ein tieferer Preis oder eine längere Haltbarkeit. Solche Produkte zu kaufen sind Konsumenten eher bereit. Es kann also angenommen werden, dass GVP, welche die Umwelt weniger belasten, zu einer nachhaltigen Landwirtschaft beitragen oder gesundheitliche Vorteile aufweisen, auf eine grössere Akzeptanz stossen würden.

BEWERTUNG VON PRODUKT ODER PROZESS?

Mit den neuen Techniken ist in den für den Anbau vorgesehenen Pflanzen keine gentechnische Veränderung mehr nachweisbar. Folglich kann man sie auch nur noch sehr bedingt als GVP bezeichnen.

Die ersten in der Grünen Gentechnik eingesetzten Verfahren beruhten vorwiegend auf der Integration artfremder DNA aus nicht kreuzbaren Organismen wie zum Beispiel anderen Pflanzen oder Mikroorganismen. Mit den neuen gentechnischen Methoden wird eine neue Generation von GVP erzeugt (siehe Kapitel 4.3). Zum Beispiel können Pflanzen hergestellt werden, die keine Fremd-DNA mehr enthalten. Oder es werden Pflanzen produziert, bei deren Entstehung zwar Gentechnik zum Einsatz kommt, der Eingriff aber im Endprodukt keine oder nur geringe Spuren hinterlässt. Eine weitere Methode erlaubt es, die genetischen Änderungen nicht an zufälligen, sondern an exakt vordefinierten Orten vorzunehmen. Dadurch lassen sich gentechnische Eingriffe genauer überprüfen und verfolgen, was die Risikoabschätzung vereinfacht. Schliesslich kann man auch Pflanzen herstellen, bei denen nur Teile wie Blätter oder Stängel, nicht aber die Früchte gentechnisch verändert sind.

Andere neuentwickelte Verfahren ermöglichen die Steuerung der Aktivität von Genen, ohne dass das Genom der Pflanze verändert wird.

Diese neuen Verfahren nutzen zwar die Gentechnik, aber in den für den Anbau vorgesehenen Pflanzen ist die gentechnische Veränderung nicht oder kaum mehr nachweisbar. Folglich lassen sich diese Pflanzen nur noch sehr bedingt als gentechnisch verändert bezeichnen.

Neue Methoden in der Grünen Gentechnik können zur Verbesserung der Biosicherheit beitragen.

Von diesen ‘GVP der neuen Generation’ gehen im Vergleich zu konventionell gezüchteten Pflanzen weniger unvorhersehbare Effekte aus. Sie sind also in Bezug auf die Biosicherheit den konventionell gezüchteten Pflanzen, bei denen viele unbekannte genetische Veränderungen erzeugt werden, aus pflanzenwissenschaftlicher Sicht überlegen.

Darum sollten GVP der neuen Generation bezüglich ihrer potenziellen Risiken analog zu denjenigen Pflanzen beurteilt werden, die konventionell gezüchtet werden. Die Risikobeurteilung sollte vom Produkt, also der Pflanze, ausgehen und nicht vom Prozess der Pflanzenzüchtung.

Dies entspricht im Übrigen dem Ansatz der Risikobeurteilung in der Lebensmittelindustrie, in der ein neu entwickeltes Nahrungsmittel, wenn es die gleiche Zusammensetzung aufweist wie ein bereits existierendes, als ebenso sicher eingestuft wird. Die Art und Weise, wie es produziert wird, ist für die Risikobewertung eines Produkts nicht entscheidend.

AGRARÖKONOMIE UND KOEXISTENZ

Gentechnisch veränderte Pflanzen könnten in der Schweizer Landwirtschaft die Produktionskosten reduzieren. Insbesondere, wenn gleichzeitig die Direktsaat eingeführt wird.

In der Regel zielen GVP bislang nicht darauf ab, Erträge zu erhöhen, sondern darauf, Ertragsverluste zu reduzieren beziehungsweise diese Reduktion zu möglichst tiefen Kosten zu erreichen. Eine Analyse des ökonomischen Potenzials von GVP in der Schweizer Landwirtschaft zeigt, dass diese Pflanzen die Produktionskosten reduzieren könnten, insbesondere, wenn indirekte Nutzen wie beispielsweise die gleichzeitige Einführung der Direktsaat berücksichtigt werden. Die Direktsaat wäre nicht nur ökonomisch interessant, sondern auch ökologisch: Die stark reduzierte Bodenbearbeitung würde zur Verringerung der Bodenerosion beitragen, was im Sinne der Ökologie und der Nachhaltigkeit zu begrüssen wäre (siehe Kapitel 2.1).

Berücksichtigt man zudem den globalen Trend, dass GVP mit einzelnen Merkmalen vermehrt durch solche mit kombinierten Merkmalen ersetzt werden, verschiebt sich die agrarökonomische Bilanz weiter zugunsten der gentechnisch veränderten Pflanzen. So könnte zum Beispiel eine kombinierte Herbizid- und Krankheitsresistenz unter den für die Schweiz relevanten Bedingungen zu einer besseren Wirtschaftlichkeit von GVP führen.

Eine weitere wichtige Rolle für die Wirtschaftlichkeit spielen die Kosten der Koexistenzmassnahmen. Koexistenz bedeutet, dass landwirtschaftliche Anbausysteme mit und ohne Gentechnik nebeneinander möglich sind, ohne dass eine der beiden Formen von Anfang an ausgeschlossen wird oder Nachteile erfährt. Dabei müssen der Schutz der gentechnikfreien Produktion und die Wahlfreiheit der Konsumenten gewährleistet sein.

Die Kosten für Koexistenzmassnahmen sind im Vergleich zu den gesamten Produktionskosten gering. Und sie könnten noch reduziert werden – durch die Schaffung von GVP-Produktionszonen.

Koexistenzmassnahmen können insbesondere aufgrund der kleinstrukturierten Verhältnisse in der Schweiz zu Mehrkosten führen. Berechnungen zeigen jedoch auch, dass für alle landwirtschaftlichen Kulturen die Kosten für Koexistenzmassnahmen im Vergleich zu den gesamten Produktionskosten gering sind. Zudem könnten die Koexistenzkosten reduziert werden, wenn zusammenhängende Produktionszonen für Landwirtschaftsformen mit GVP geschaffen würden (siehe Kapitel 2.1). Solche Zonen existieren beispielsweise für den Anbau von gentechnisch verändertem Mais in bestimmten Regionen Portugals. Portugal ist für den Vergleich mit der Schweiz deshalb relevant, weil dort die durchschnittliche Betriebsgrösse etwa derjenigen in unserem Land entspricht.

Der Zusatznutzen von GVP in Relation zum gesamten Betriebseinkommen ist relativ gering und übersteigt nie den Betrag, der durch Direktzahlungen an den Landwirt fliesst.

Ob die Kosteneinsparungen durch die Verwendung von GVP die Zusatzkosten zur Sicherung der Koexistenz aufwiegen, ist fallabhängig. Wichtig ist, die Kosten und Nutzen von GVP im Gesamtkontext eines landwirtschaftlichen Betriebes zu betrachten. Die Berechnungen zeigen allerdings, dass der Zusatznutzen von GVP in Relation zum gesamten Betriebseinkommen relativ niedrig ist und nie den Betrag übersteigt, der durch Direktzahlungen an den Landwirt fliesst. Somit bleibt auch mit GVP die Erfüllung des ökologischen Leistungsnachweises, an den Direktzahlungen geknüpft sind, für den Landwirt von zentraler Bedeutung. Grundsätzlich sollten die Bedingungen für diese Direktzahlungen bei einer allfälligen Entscheidung der Schweizer Landwirtschaft in Richtung Koexistenz keine Form des nachhaltigen Pflanzenbaus benachteiligen.

Gegenläufige Trends und eine Chance für die Nachhaltigkeit

Weltweite Zunahme

Der Einsatz der Grünen Gentechnik in der Landwirtschaft nimmt weltweit zu, wobei dieser allerdings stark auf einige Länder konzentriert ist (u. a. USA, Brasilien, Argentinien, Indien, Kanada). Die globale Anbaufläche von gentechnisch veränderten Pflanzen stieg im Jahr 2011 um acht Prozent auf 160 Millionen Hektaren. Mittlerweile kommen GVP in 29 Ländern zum Einsatz, wovon 19 den Schwellen- und Entwicklungsländern zuzurechnen sind. Diese Länder weisen einen doppelt so hohen Zuwachs der Anbaufläche von GVP auf wie die Industrieländer und umfassen rund 15 der weltweit insgesamt 16,7 Millionen GVP anbauenden Landwirte.

Bis zum Jahr 2015 werden weitere zehn Länder GVP landwirtschaftlich nutzen, wie die ISAAA (International Service for the Acquisition of Agri-biotech Applications) schätzt.

Der zunehmende Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen erfolgt vor allem bei denjenigen Kulturpflanzen, die sich schon länger auf dem Markt behaupten, nämlich Soja, Mais, Raps und Baumwolle. Hinzu kommen in deutlich geringem Ausmass Zuckerrübe, Kartoffel, Luzerne, Zucchetti, Tomate, Papaya, Peperoni und Pappel. Einige dieser Kulturpflanzen könnten auch für die Schweizer Landwirtschaft von Interesse sein.

Auf rund einem Viertel der weltweiten Anbaufläche (40 Mio. ha) werden GVP angebaut, bei denen mehrere Eigenschaften gentechnisch eingebaut sind (‘Stacked Traits’).

Gegenwärtig wird im Ausland an über 90 weiteren Kulturpflanzen geforscht, um sie mithilfe von gentechnischen Verfahren mit verbesserten Eigenschaften auszustatten und der landwirtschaftlichen Nutzung zuzuführen.

 

Europa gegenläufig

Entgegen diesem Trend ist in Europa die Entwicklung und Erprobung neuer GVP im vergangenen Jahrzehnt deutlich zurückgegangen. 2004 verlagerte das Schweizer Unternehmen Syngenta die Forschung im Bereich der Pflanzenbiotechnologie in die USA. Auch das deutsche Unternehmen BASF gab 2012 bekannt, dass die Entwicklung und Kommerzialisierung aller auf den europäischen Markt ausgerichteten GVP eingestellt und die Unternehmenszentrale der Gruppengesellschaft BASF Plant Sciences in die USA verlegt wird. Die BASF-Forschungsstandorte Gatersleben (Deutschland) und Svalöv (Schweden) werden geschlossen. Lediglich bestehende Produkte wie die Kartoffelsorte Amflora mit einem erhöhten Stärkegehalt werden weitergeführt.

Die Gründe für das Abwandern von Forschung und Entwicklung liegen nicht nur in der gentechnikkritischen Stimmung. In Europa sind auch die Entwicklungskosten besonders hoch, nicht zuletzt wegen der enormen Sicherheitsanforderungen. Gleichzeitig bewirken diese hohen Entwicklungs- und Sicherheitskosten, dass nur noch einige wenige Firmen überhaupt in der Lage sind, GVP zu entwickeln. Somit begünstigen ausgerechnet die umfangreichen Bewilligungs- und Sicherheitsanforderungen die (ebenfalls kritisierte) Konzentration der Entwicklung von GVP auf einige wenige Firmen.

 

Ein Beitrag zur Nachhaltigkeit

Die steigende Nachfrage und Produktion von Nahrungsmitteln belastet die Umwelt global. Auch die Schweizer Landwirtschaft stösst bei der Umsetzung der an sie gerichteten ökonomischen, ökologischen und sozialen Forderungen an Grenzen. Hier böte die Grüne Gentechnik Möglichkeiten, Produktionskosten, Umweltbelastung sowie das Risiko von Ertragseinbussen zu reduzieren, zum Beispiel durch den Einsatz gentechnisch veränderter Zuckerrüben und Kartoffeln. Weiter liesse sich durch den Einsatz gentechnischer Methoden die Behandlung von Apfelbäumen mit Fungiziden oder Streptomycin zur Bekämpfung von Apfelschorf und Feuerbrand reduzieren.

Ausserdem deuten Trends in Forschung und Entwicklung darauf hin, dass in absehbarer Zukunft neue Pflanzensorten verfügbar sein werden, die den nach wie vor zu hohen Stickstoff und Phosphorverbrauch in der Schweizer Landwirtschaft reduzieren und besser an die Klimaveränderungen anpasst sind.

BEDEUTUNG VON FELDVERSUCHEN

Um Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und deren Umwelt zu erkennen, sind Feldexperimente unumgänglich. Dies gilt unabhängig davon, ob konventionelle oder gentechnische Methoden angewendet werden.

Um Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und deren Umwelt zu erkennen, sind Feldexperimente in der Pflanzenzüchtung unumgänglich. Dies gilt unabhängig davon, ob konventionelle oder gentechnische Methoden angewendet werden. Während im Gewächshaus die Klimabedingungen kontrollierbar sind, sind Pflanzen in der freien Natur wechselnden Witterungsverhältnissen ausgesetzt. Auch unterscheiden sich die Menge und die Diversität der Schädlinge im Gewächshaus erheblich von jenen im Feld. Alle diese Faktoren wirken sich auf Wachstum und Ertrag der Pflanzen aus. Darum ist es wichtig, dass gentechnisch veränderte Pflanzen – sei es für Forschungszwecke oder konkrete Anwendungen – nicht nur im Labor und Gewächshaus, sondern auch auf offenem Feld untersucht werden. Zeigen Zuchtlinien unerwünschte Nebeneffekte, werden sie – wie bei jeder Züchtungsmethode – aus dem weiteren Zuchtverlauf ausgeschlossen.

Im Feld können aber nicht nur unerwünschte, sondern auch unerwartete positive Effekte auftreten. Beispielsweise kann die Resistenz gegen gewisse Krankheitserreger im Freiland ausgeprägter zutage treten als im Gewächshaus.

Die Vielfalt der Experimente, die im Rahmen der beiden Feldversuche in Zürich-Reckenholz und in Pully durchgeführt wurden, liefert ein umfassendes Bild der Wechselwirkungen zwischen transgenem Weizen und seiner Umwelt (siehe Kapitel 1.4). So zeigten sich zwar gewisse Unterschiede zwischen gentechnisch veränderten und einzelnen konventionellen Weizensorten. Diese waren aber für viele Merkmale kleiner als die Unterschiede zwischen konventionellen Weizen-Linien. Ebenso zeigten sich standortabhängige Unterschiede, die grösser waren als Unterschiede zwischen gentechnisch veränderten und nicht gentechnisch veränderten Pflanzen.

Derartige Befunde können nur in Feldversuchen gewonnen werden. Und sie bilden die Basis für eine sinvolle Konzeption von weiterführenden Experimenten im Labor und im Gewächshaus.

Hohe Ansprüche stellten bei den Freilandversuchen des NFP 59 das Bewilligungsverfahren, die Kommunikation, die Logistik und die Durchführung sowie der Schutz der Felder. Nicht nur die fachlichen Anforderungen waren enorm, sondern auch die Kosten.

Insbesondere der Schutz der Versuchsfelder vor gezielten Zerstörungsaktionen war mit grossen Kosten verbunden. Die Sicherheitsmassnahmen kosteten im NFP 59 pro Forschungsfranken zusätzliche 0,78 Franken (siehe Kapitel 4.1). Darum ist für zukünftige Freilandversuche mit GVP eine Verbesserung der Rahmenbedingungen zu empfehlen. Diese sollten vor allem die Schaffung sogenannter ’Protected Sites’ umfassen. Dabei handelt es sich um gesicherte Versuchsgelände, die vor Gewaltakten geschützt sind. Das Anliegen wurde bereits im Rahmen der neuen Botschaft des Bundesrates über die Förderung von Bildung, Forschung und Innovation in den Jahren 2013 bis 2016 mit besonderen Fördermitteln für die Errichtung eines gesicherten Versuchsgeländes auf dem Areal der Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz- Tänikon ART berücksichtigt.

Weiter empfiehlt sich für die Fortführung der pflanzenwissenschaftlichen Forschung in der Schweiz die Vereinfachung des Bewilligungsverfahrens für die Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen.

RECHTLICHE RAHMENBEDINGUNGEN

Vor Ablauf des Moratoriums sollten rechtliche Rahmenbedingungen
für die allfällige Etablierung gentechnikfreier Gebiete oder von GVP-Produktionszonen geschaffen werden.

Eine rechtswissenschaftliche Analyse im Rahmen des NFP 59 untersuchte, inwieweit das Schweizer Gentechnikrecht eine ausreichende Rechtsordnung für die Koexistenz von Landwirtschaftsformen mit und ohne gentechnisch veränderten Pflanzen bildet. Die Analyse kommt zum Schluss, dass Artikel 7 des Gentechnikgesetzes (GTG) weiterhin die Zielnorm der Koexistenzordnung beinhalten sollte. Sie fordert jedoch eine Anpassung der rechtlichen Rahmenbedingungen. Insbesondere wird vorgeschlagen, dass Art. 7 GTG auch eine umfassende Delegationsnorm an den Bundesrat für die Garantie des Nebeneinanders verschiedener Produktionsformen enthalten sollte (siehe Kapitel 4.2).

Weiter sollten Anpassungen der rechtlichen Rahmenbedingungen vor Ablauf des Moratoriums auch Kriterien und Prozeduren für die allfällige Etablierung gentechnikfreier Gebiete oder von GVP-Produktionszonen umfassen.

Die Etablierung gesicherter Versuchsgelände (Protected Sites) würde die Durchführung von Freisetzungsversuchen erheblich erleichtern.

Die Etablierung gesicherter Versuchsgelände würde die Durchführung von Freisetzungsversuchen erheblich erleichtern. Im Rahmen von Art. 14 GTG sind vereinfachte Melde- und Bewilligungsverfahren für Freisetzungsversuche gut denkbar.

Ein langfristiges Moratorium für den kommerziellen Anbau von GVP in der Schweiz würde eine Änderung der Bundesverfassung erfordern.

Ein langfristiges Moratorium für den kommerziellen Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen in der Schweiz, wie es von einigen Interessenkreisen gefordert wird, würde eine Änderung der Bundesverfassung erfordern. Denn diese erlaubt zwar bestimmte Schutz- und Fördermassnahmen zugunsten der mit konventionell gezüchteten Pflanzen betriebenen Landwirtschaft. Aber insgesamt sieht sie ein geordnetes, gleichberechtigtes Nebeneinander verschiedener landwirtschaftlicher Praktiken vor.

BILDUNGSPLATZ UND MONITORING

Gesellschaftliche Opposition sowie regulatorische Einschränkungen der Grünen Gentechnik in der Schweiz wirken sich unweigerlich auch auf die universitäre Forschung und Ausbildung von Studierenden und Doktorierenden aus. Sie könnten letztlich dazu führen, dass die heute noch existierende Fachkompetenz im Gebiet der Grünen Gentechnik ins Ausland abwandert.

Jedoch ist der Erhalt der Fachkompetenz wichtig. Denn selbst wenn sich die Schweiz für ein permanentes Verbot der Grünen Gentechnik in der Landwirtschaft entschiede, werden dennoch weltweit immer mehr Produkte gentechnischen Ursprungs oder Inhalts gehandelt. Und diese machen vor den Schweizer Grenzen nicht halt. Ein Verlust der Fachkompetenz in der Schweiz würde letztlich zu einem Verlust der Fähigkeit führen, ein wirksames Monitoring im Bereich der Biosicherheit zu betreiben. Ebenso ist die wissenschaftliche Forschung auf Fachkompetenz angewiesen, um die Technologie im Sinne der Nachhaltigkeit unserer Landwirtschaft weiterzuentwickeln.
«Mir ist bekannt, dass es schwierig ist, politische Entscheidungen immer auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Ich erkenne an, dass es viel mehr Faktoren gibt, welche die Politik beeinflussen, wie zum Beispiel ethische, soziale und ökonomische Faktoren. Aber wenn wissenschaftliche Erkenntnisse nicht genutzt werden, ist es die Pflicht der Politiker, zu erklären, warum diese Erkenntnisse keine Berücksichtigung finden. Ich denke, solange dies erklärt und dadurch Transparenz erzeugt wird, wäre es zufriedenstellend für mich.»

Anne Glover
Chief Scientific Advisor, Europäische Kommission

 
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