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Nachhaltige Landwirtschaft

Die Landwirtschaft hat – national wie global – die Herausforderung, den Anforderungen der Nachhaltigkeit gerecht zu werden, immer noch nicht gemeistert. Nicht zuletzt deshalb, weil immer neue relevante, das System beeinflussende Faktoren erkannt werden. Vor diesem Hintergrund wäre es unklug, bei der Suche nach Lösungen eine Technologie von vornherein auszuschliessen. Sollte sich zeigen, dass die Anwendung der Gentechnologie für die Schweizer Landwirtschaft Vorteile bringt, müssen wissenschaftlich abgesicherte Anforderungen gewährleisten, dass der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen in allen drei Dimensionen zur Nachhaltigkeit beiträgt: ökologisch, ökonomisch und sozial.

BERNARD LEHMANN/ EVA REINHARD
Direktor Bundesamt für Landwirtschaft/ Vizedirektorin Bundesamt für Landwirtschaft

Unsere Teller wären nicht Tag für Tag gefüllt, gäbe es nicht die Bäuerinnen und Bauern. Sie produzieren qualitativ hochwertige Nahrungsmittel und tragen damit zur sicheren Versorgung der Bevölkerung bei. Allerdings kann eine ausreichende Versorgung nur solange gewährleistet werden, wie die natürlichen Lebensgrundlagen wie Wasser, Boden, Luft und die Artenvielfalt in ausreichender Menge und Qualität zur Verfügung stehen. Also muss die landwirtschaftliche Produktion darauf bedacht sein, Böden nicht zu übernutzen, Wasser nicht zu verunreinigen, die Luft nicht übermässig mit Schadstoffen zu belasten und die natürliche Artenvielfalt nicht zu gefährden.

Lokal wie global ist aber eine Degradation der Böden, ein Rückgang der Artenvielfalt und eine fortschreitende Klimaerwärmung festzustellen. Dem steht eine stetig steigende Nachfrage nach Nahrungsmitteln gegenüber. Als Folge werden die Ressourcen im Ökosystem knapp.

DIE SCHWEIZER LANDWIRTSCHAFT KANN NACHHALTIGER WERDEN

Trotz grosser Anstrengungen zieht die Landwirtschaft die ökologischen Ressourcen immer noch in Mitleidenschaft.

Auch die Schweizer Landwirtschaft stösst bei der Erfüllung sämtlicher Anforderungen der Nachhaltigkeit an Grenzen. Unsere landwirtschaftliche Produktion deckt heute rund 55 Prozent der von der Bevölkerung benötigten Kalorien ab. Die verbleibenden 45 Prozent werden aus Ländern importiert, deren Produktionsbedingungen wir bestenfalls nur oberflächlich kennen und die wir nicht beeinflussen können. Und die Fläche der besten Landwirtschaftsböden schrumpft infolge der intensiven Bautätigkeit stetig.[1] Dass trotzdem auf immer geringerer Fläche immer mehr produziert werden kann, ist ein Verdienst der Grünen Revolution. Allerdings nimmt diese zu wenig Rücksicht auf die Qualität der natürlichen Lebensgrundlagen: Trotz grosser Anstrengungen und auch vieler messbarer Verbesserungen dank der Anfang der 1990er-Jahre lancierten Nachhaltigkeitsmassnahmen, zieht die Landwirtschaft die ökologischen Ressourcen immer noch in Mitleidenschaft.

Die Schweizer Landwirtschaft hält mit der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung des Landes nicht Schritt und muss ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen.

Die Bodenqualität wird durch Erosion, Unterbodenverdichtung und Schadstoffeintrag vermindert. Auch beim Wasser, bei der Luft und bei der Artenvielfalt kann die Schweiz die in den ‘Umweltzielen Landwirtschaft’[2] definierten Ziele nicht erreichen. So müssen wir uns wohl eingestehen, dass zum Beispiel die angestrebte maximale Ammoniakemission aus der Landwirtschaft von 25'000 Tonnen in Ammoniak gebundenem Stickstoff pro Jahr mit der gegenwärtigen landwirtschaftlichen Produktionspalette kaum je zu erreichen sein wird. Gleiches gilt für die Reduktion der gesamten Nitratemission. Weil bis heute keine nachhaltigen technischen Möglichkeiten zur Verminderung dieser Emissionen zur Verfügung stehen, käme als einziges Mittel zur Zielerreichung ein Verzicht auf Acker- und Kunstwiesenflächen zugunsten von Naturwiesen infrage.[3] Dies hätte jedoch eine markante Verkleinerung der Anbaufläche, respektive eine Senkung des Selbstversorgungsgrades bei den Ackerkulturen zur Folge.

Lücken sind auch bei der ökonomischen Nachhaltigkeit auszumachen. Die Schweizer Landwirtschaft hält mit der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung des Landes nicht Schritt und muss ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Dies ist nur zu erreichen, wenn die Produktionskosten reduziert und die Kompatibilität der agrarpolitischen Instrumente mit den internationalen Entwicklungen und Vorgaben verbessert werden.

PROGNOSEN STEHEN SCHLECHT

Die nachhaltige Ernährung der Menschen verlangt nach neuen Ideen und Massnahmen entlang der gesamten Lebensmittel- und Wertschöpfungskette.

Die wachsende Sorge um die langfristige Nahrungsmittelversorgung kann auch durch die Zukunftsprognosen nicht gemildert werden. Das Bundesamt für Statistik sagt ein Wachstum der Schweizer Bevölkerung um anderthalb Millionen auf neun Millionen Menschen innerhalb der nächsten 50 Jahre voraus. Gemäss Hochrechnung der Vereinten Nationen werden bis 2050 über neun Milliarden Menschen unseren Planeten bevölkern. Dieses rasante Bevölkerungswachstum wird mit grosser Wahrscheinlichkeit zu hohen und volatilen Weltmarktpreisen für Nahrungsmittel und damit einhergehend in weiten Teilen der Welt zu grösserer Armut, verbunden mit Hunger, führen. Vor diesem Hintergrund ist es aus globaler ökologischer Sicht sinnvoll, den heutigen Selbstversorgungsgrad der Schweiz zu halten. Es stellt sich die Frage, wie wir das erreichen.

Die nachhaltige Ernährung der Menschen, das heisst die Produktion von ökologisch, ökonomisch und sozial verträglichen Nahrungsmitteln, verlangt nach neuen Ideen und Massnahmen entlang der gesamten Lebensmittel- und Wertschöpfungskette.

Mit einer vorwiegend am Status quo ausgerichteten Strategie ist die Zukunftsfähigkeit unseres Ernährungssystems nicht gewährleistet. Oder wie Einstein sagt: «Kein Problem kann durch dasselbe Bewusstsein gelöst werden, das es erzeugt hat.» Damit fordert er uns auf, zur Lösungsfindung neue innovative Ansätze und Wege einzuschlagen.

VERÄNDERUNG VON ERBINFORMATION: NICHTS NEUES IN DER ZÜCHTUNG

Seit die Menschen den Ackerbau und die Viehhaltung entwickelt haben, steht die Optimierung des Erbmaterials im Zentrum der landwirtschaftlichen Produktion.

Mögliche Lösungsansätze für die Probleme in der Landwirtschaft und der Ernährung verspricht man sich heute in weiten Kreisen von der Gentechnologie.

Dass die Gentechnologie in der Medizin grosse Akzeptanz gefunden hat, nicht aber im Agrarbereich (zumindest in Europa), mag auf den ersten Blick erstaunen. Denn seit die Menschen in unseren Breitengraden vor rund 8'000 Jahren sesshaft geworden sind und den Ackerbau und die Viehhaltung entwickelt haben, steht die Optimierung des Erbmaterials im Zentrum der landwirtschaftlichen Produktion.

Jede Form der Züchtung zielt darauf ab, biologische Eigenschaften von Tieren und Pflanzen zu verbessern. Nicht von ungefähr war es ein Bauernsohn – Gregor Mendel, der bereits als Kind im Garten beim Veredeln der Obstbäume mithalf und Bienen züchtete –, welcher die Vererbungsregeln entdeckt und damit die Genetik begründet hat. Experimente mit Erbsen lehrten ihn, dass ein Organismus als ein Mosaik von Merkmalen aufgefasst werden kann, die sich unabhängig voneinander vererben und neu kombiniert werden können.

Die Geschichte der Züchtung begann mit der Auslesezüchtung, bei der jene Individuen für die weitere Züchtung ausgewählt werden, bei denen die gewünschten Merkmale am stärksten ausgeprägt sind. Seit Gregor Mendel ist bekannt, dass nicht die Vermischung von ‘Blutlinien’, sondern vererbbare Gene, welche dominant oder rezessiv sein können, die ‘Bausteine des Lebens’ darstellen. Entsprechend folgten mit der Kreuzung verschiedener gezielt gewählter Genotypen die Kombinationszüchtung, später die Hybridzüchtung und die Mutationszüchtung, welche Strahlen oder mutagene Chemikalien einsetzt, um den gewünschten Züchtungserfolg schneller zu erlangen.

Dass die Veränderung der Erbinformation nicht mehr dem Zufall überlassen, sondern gezielt ausgeführt wird, ist der grundlegende Unterschied zwischen herkömmlicher Züchtung und Gentechnologie.

Heute können mithilfe der Gentechnik die gewünschten Merkmale gezielt auf Pflanzen oder Tiere übertragen werden. Dass nun die Veränderung der Erbinformation nicht mehr dem Zufall überlassen, sondern von den Forschenden gezielt ausgeführt wird, ist der grundlegende Unterschied zwischen herkömmlicher Züchtung und Gentechnologie.

Doch nach wie vor ist jeder Züchtungserfolg das Resultat einer Modifikation der Erbinformation, das heisst der Neukombination der vier Bausteine, aus denen die in jeder Zelle aller Pflanzen und Tiere enthaltene DNA aufgebaut ist.

Vor diesem Hintergrund messen wir der Tatsache, dass es mit der Gentechnologie möglich ist, einzelne Gene gezielt aus ihrer Umgebung herauszulösen und über die Artgrenze hinweg gezielt in andere Organismen zu übertragen, eine ethisch philosophische, aber keine wissenschaftlich biologische Bedeutung bei. Die Universalität des genetischen Codes ist ein untrüglicher Hinweis auf den gemeinsamen Ursprung aller Organismen. Und auch die Natur vermag Erbinformation zwischen verschiedenen Arten auszutauschen.[4][5]

ERFAHRUNGEN MIT GENTECHNISCH VERÄNDERTEN PFLANZEN IN DER LANDWIRTSCHAFT

Hauptproblem ist nicht die Gentechnik an sich, sondern das mangelhafte und einseitige Management.

Der erste kommerzielle Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen (GVP) fand 1996 in den USA statt. Seither steigt die weltweite Anbaufläche kontinuierlich. Heute stehen auf etwa drei Prozent (0,16 Mrd. ha) der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche (5 Mrd. ha) und etwa elf Prozent (0,13 Mrd.) der weltweiten Ackerfläche (1,4 Mrd. ha) gentechnisch veränderte Pflanzen. Von den 16,9 Millionen Landwirten, welche 2011 gentechnisch verändertes Saatgut einsetzten, sind über 90 Prozent Kleinbauern in Entwicklungsländern.

In der Europäischen Union jedoch folgt die landwirtschaftliche Nutzung der Grünen Gentechnologie nicht dem weltweiten Trend. In nennenswertem Umfang wird gentechnisch veränderter Mais nur in Spanien und Portugal angebaut.[6]

Die weltweite kommerzielle Nutzung von gentechnisch veränderten Sorten konzentriert sich bisher vor allem auf Sojabohne, Mais, Baumwolle und Raps. Die mit der Gentechnik neu eingeführten Merkmale sind fast ausschliesslich Herbizid- und Insektenresistenzen. Problematisch dabei ist, dass sich die Resistenzen praktisch immer auf identische Gene und Wirkmechanismen beschränken. Die Herbizidresistenz beruht bei über 80 Prozent der gentechnisch veränderten Kulturen auf der Resistenz gegen Glyphosat und Glufosinat.[7] Diese beiden Breitbandherbizide werden auch im klassischen Ackerbau ohne gentechnisch veränderte Sorten sehr oft verwendet – Glyphosat seit beinahe 40 Jahren. Zur Bekämpfung von Insektenschädlingen kommen mehrheitlich Bt-Toxine zum Einsatz, welche durch die gentechnisch veränderten Pflanzen selbst gebildet werden.

Die Folge einer jahrelangen kontinuierlichen Verwendung von ein und demselben Herbizid ist zwangsläufig die Bildung von Resistenzen bei Unkräutern. Dasselbe gilt für Insektizide. Nach anhaltender, regelmässiger Anwendung eines einzelnen Mittels können die Zielorganismen Resistenzen entwickeln. Daher war es zu erwarten, dass in Feldern, wo Jahr für Jahr Glyphosat- und Bt-Pflanzen angebaut werden, früher oder später gegen die Wirkstoffe unempfindliche Unkräuter und Schadinsekten auftreten. Internationale Monitoringdaten zeigen, dass bisher etwa 20 Unkrautarten gegen den Wirkstoff Glyphosat resistent geworden sind. Der Umstand, dass auch auf Feldern ohne transgene Nutzpflanzen herbizidresistente Unkräuter gefunden wurden, veranschaulicht, dass das Auftreten von resistenten Unkräutern nur indirekt auf den Anbau von transgenen Pflanzen als solchen zurückzuführen ist.

Hauptproblem ist das mangelhafte und einseitige Management. Nicht überraschend wurden letztes Jahr in den USA entsprechend gegen das Bt-Protein resistente Maiswurzelbohrer gefunden.[8] Als Ursachen werden ein unzureichendes Resistenzmanagement und die Vermarktungsstrategien der grossen Firmen genannt.[9]

Dies zeigt, dass eine nachhaltige Landwirtschaft eine Strategie zur Vermeidung von Resistenzen verlangt und dass sich hinsichtlich dieser Problematik die Landwirtschaft mit GVP von der ohne GVP nicht unterscheidet. Der Resistenzentwicklung muss mit bekannten und bewährten Massnahmen entgegengewirkt werden. Im Zentrum steht die Diversifikation. Dazu gehören der Wirkstoffwechsel, die Kombination von mehreren Wirkstoffen, das Einrichten von Refugienflächen und nicht zuletzt die in der Schweiz erfolgreich praktizierte Fruchtfolge.

BEDEUTUNG DES NFP 59 FÜR DIE SCHWEIZER LANDWIRTSCHAFT

Es gibt zahlreiche Studien, wonach GVP keine grössere Gefahr für die Umwelt oder die Lebensmittelsicherheit darstellen als herkömmlich
gezüchtete Kulturpflanzen.

Die Resultate des NFP 59 liegen nun vor. Sie bestätigen zahlreiche ausländische Studien und Erfahrungen, wonach GVP keine grössere Gefahr für die Umwelt oder die Lebensmittelsicherheit darstellen als althergebrachte und herkömmlich gezüchtete Kulturpflanzen.

Nicht Sicherheits- oder Machbarkeitsüberlegungen sollen beim Entscheid über die Anwendung der Gentechnologie in der Schweizer Landwirtschaft im Zentrum stehen, sondern ökologische, ökonomische und soziale Aspekte.

Ebenso zeigt das Forschungsprogramm, dass ein Nebeneinander von herkömmlicher und gentechnischer Produktion auch in der kleinräumigen Schweiz möglich ist. Diese Resultate sind wichtig, denn sie belegen, dass nicht Sicherheits- oder Machbarkeitsüberlegungen, sondern ökologische, ökonomische und/oder soziale Aspekte beim Entscheid über die Anwendung der Gentechnologie in der Schweizer Landwirtschaft im Zentrum stehen sollen; die drei Leitlinien also, nach welchen sich die landwirtschaftliche Produktion in der Schweiz gemäss Landwirtschaftsgesetz auszurichten hat.

Noch fehlen gentechnisch veränderte Sorten, welche helfen könnten die spezifischen ökologischen Defizite der Schweizer Landwirtschaft zu
beheben.

Jedoch wollen in der Schweiz heute noch die Mehrheit der Bevölkerung und der Grossteil der Politiker auf den Anbau von GVP verzichten. Einige werden aufgrund der Resultate des NFP 59 ihre Meinung ändern. Andere werden aufgrund der fehlenden Marktakzeptanz für gentechnisch veränderte Produkte wie bis anhin die ökonomischen Vorteile, welche gentechnikfreie Produkte bieten, höher gewichten als die für sie wenig überzeugenden ökologischen Vorteile der gegenwärtig kommerzialisierten GVP.

Diese Haltung ist momentan zu akzeptieren. Denn noch fehlen gentechnisch veränderte Sorten, welche helfen könnten, die spezifischen ökologischen Defizite der Schweizer Landwirtschaft zu beheben. Auch sind die Argumente des derzeitigen ökonomischen Vorteils einer vom Markt gewünschten gentechnikfreien Produktion nicht von der Hand zu weisen.

GENTECHNIK IM DIENST DER NACHHALTIGKEIT

Generell ist zu erwarten, dass sich die GVP der Zukunft stärker als heute auf den Markt ausrichten werden.

Die Botschaft zur Weiterentwicklung der Schweizer Agrarpolitik in den Jahren 2014- 2017[1] stellt – neben der ökologischen Effizienzsteigerung – auch die Stärkung des Unternehmertums und die demzufolge erwünschte bessere Ausrichtung auf den Markt ins Zentrum. Die Landwirtschaftspolitik hat für entsprechend günstige Rahmenbedingungen zu sorgen, welche Produktion und Absatz landwirtschaftlicher Erzeugnisse in offeneren Märkten ermöglichen.

Jedoch ist der Staat auch dazu verpflichtet, die auf die Nachhaltigkeit einwirkenden Parameter regelmässig zu überprüfen und vor dem Hintergrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und weiterentwickelter Technologien korrigierende Massnahmen einzuleiten.

Hier sei an die eingangs erwähnten ökologischen Probleme der Schweizer Landwirtschaft erinnert, namentlich hinsichtlich des Stickstoff- und Phosphorverbrauchs. Die grüne Gentechnologie sucht seit geraumer Zeit nach Lösungen, die Stickstoffund Phosphoreffizienz zu verbessern. Es sind – wenn auch nicht unmittelbar – Forschungserfolge und neue Sorten zu erwarten, welche die Menge an ausgebrachtem Mineraldünger erheblich vermindern und einen Beitrag zur Schliessung der Kreisläufe leisten können. Auch die weiterführenden Arbeiten zu Resistenzen, insbesondere gegen die auch in der Schweiz auftretenden Kartoffel- und Weizenkrankheiten, könnten für unsere Landwirtschaft interessant werden. Ebenso dürfte die Klimaveränderung neue Sorten nötig machen, welche mittels Gentechnologie entwickelt werden könnten. Studien zeigen, dass bereits in absehbarer Zeit ausgewählte Regionen der Schweiz aufgrund ausgedehnter Trockenperioden mit verringerten Erträgen zu rechnen haben.[10] Das heutige landwirtschaftliche Portfolio dürfte angepasst werden müssen. Als Erinnerung sei hier angeführt, dass der Hitze- und Trockenheitssommer 2003 in der Schweiz bis zu 20 Prozent Ertrags- und rund 500 Millionen Franken Einkommenseinbussen verursacht hat. Noch in diesem Jahr wird die erste trockenheitsresistente Maissorte auf den Markt gebracht werden.

Generell ist zu erwarten, dass sich die GVP der Zukunft stärker als heute auf den Markt ausrichten werden. Als Stichwort seien ’Functional Foods’ genannt – Lebensmittel also, die neben der reinen Energiedeckung auch andere Bedürfnisse des neuzeitlichen Lebens, wie zum Beispiel gesundheitliche Aspekte, positiv beeinflussen können. So dürften sich die Grüne und die Rote Gentechnologie in Zukunft hinsichtlich ihrer Ziele näher kommen, was neue Märkte öffnen wird.

Die heutige Opposition gegen die Grüne Gentechnologie weist eine ethische sowie eine wirtschaftspolitische Dimension auf.

Die Abhängigkeit der drei Dimensionen der Nachhaltigkeit untereinander wird sich verstärken. Die Vorstellung ist attraktiv: Reduzierte Mengen an nötigen Produktionsmitteln senken die Kosten, erhöhen den Umweltschutz, vermindern die Risiken für Ertragsverluste und erwirken damit Zeitgewinn und soziale Sicherheit. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die heutige europäische Opposition gegen die Grüne Gentechnologie eine ethische sowie eine wirtschaftspolitische Dimension aufweist. Die starke Konzentration der Patentrechte bei privaten Firmen und die dadurch entstehende Abhängigkeit der Gentechnologienutzer lässt berechtigte Ängste aufkommen.

Dies lässt sich nur ändern, indem die Nutzungsrechte so geregelt werden, dass sie nicht in wenigen privaten Händen konzentriert sind.

Dies lässt sich nur ändern, indem die Nutzungsrechte so geregelt werden, dass sie nicht in wenigen privaten Händen konzentriert sind. Darum ist eine starke öffentliche Forschung in der Pflanzenzüchtung und im Pflanzenbau wichtig – auch in der Schweiz. Sie sollte auch gerade deswegen gefördert werden.

Die intensiven Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten lassen vermuten, dass in absehbarer Zukunft gentechnisch veränderte Pflanzen und Produkte auf dem Markt sein werden, welche dem Konsumenten klar erkennbare Nutzen und Mehrwerte aufzeigen.

Ein auf den Markt ausgerichtetes Landwirtschafts- und Ernährungssystem Schweiz wird sich den neu entstehenden Bedürfnissen stellen.

Sich aufgrund kurzfristiger marktwirtschaftlicher Vorteile die Optionen und Chancen für die Zukunft zu verbauen, wäre verantwortungslos.

Die Agrarpolitik wird die Rahmenbedingungen so anpassen, dass es den unternehmerisch denkenden Schweizer Bäuerinnen und Bauern möglich sein wird, zeitgerecht und erfolgreich auf die neuen Bedürfnisse reagieren zu können. Sich aufgrund kurzfristiger marktwirtschaftlicher Vorteile die Optionen und Chancen für die Zukunft zu verbauen, wäre nicht nur schade, sondern verantwortungslos. Wir sind aufgefordert, vorausschauend zu handeln und uns alle Optionen für die Zukunft offen zu halten.

Literatur

[1] Schweizer Bundesrat (2012) Botschaft zur Weiterentwicklung der Agrarpolitik in den Jahren 2014-2017 vom 1. Februar 2012. 12.021.
[2] Bafu (2008) Umweltziele Landwirtschaft. Hergeleitet aus bestehenden rechtlichen Grundlagen. Umwelt-Wissen Nr. 0820. Bern.
[3] Lehmann, B., Weber, M., Peter, S., Valsangiacomo, A. (2010) «Stickstoff 2020» – Möglichkeiten und Einschränkungen zur Vermeidung landwirtschaftlicher Stickstoffemissionen in der Schweiz. Untersuchung zuhanden des Bundesamtes für Landwirtschaft.
[4] McDaniel, L.D., Young, E., Delaney, J., Ruhnau, F., Ritchie, K.B., Paul, J.H. (2010) High frequency of horizontal gene transfer in the oceans. Science, 330, 50.
[5] Stegemann, S., Keuthe, M., Greiner, S., Bock, R. (2012) Horizon- tal transfer of chloroplast genomes between plant species PNAS. Online Publication, DOI: 10.1073/pnas.1114076109.
[6] James, C. ( 2012). Global status of commercialized Biotech/GM crops. ISAAA, 2011.
[7] Sanvido, O., Romeis, J., Bigler, F. (2007). Ecological impacts of genetically modified crops: ten years of field research and commercial cultivation. Adv Biochem Eng Biot 107, 235-278.
[8] Gassmann, A.J., Petzold-Maxwell, J.L., Keweshan, R.S., Dunbar, M.W. (2011) Field-Evolved Resistance to Bt Maize by Western Corn Rootworm. PLoS ONE 6(7): e22629. DOI:10.1371/journal. pone.0022629.
[9] Diskussionsbeitrag. www.biosicherheit.de
[10] Fuhrer,J.,Calanca,P.,Defila,C.,Forrer,H.R.,Lehmann,B.,Luder, W., Müller-Ferch, G., Münger, A., Sonnevelt, M., Uebersax, A. (2007) Landwirtschaft. In: OcCC / ProClim (Hrsg.). Klimaände- rungen und die Schweiz 2050. Erwartete Auswirkungen auf die Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft. Bern, 41-53.
 
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